Wie Phoenix aus der Asche…

Heute habe ich zum ersten Mal in der Ferne ein Kreuzfahrtschiff vorbei fahren sehen… das ist ein ungewohntes Bild, denn bisher war es so, dass jedes Schiff, das in Sicht war auch in Philipsburg vor Anker ging. Wie oft habe ich gedacht, bitte heute keine 20 Quadtour Teilnehmer, die unter meiner Terrasse lang fahren und warum müssen sie immer so hupen und grölen…. und nun wünschte ich, ich könnte sie hören.

Wie oft haben wir uns gesagt, dass wir uns nicht über orientierungslose Mietwagenfahrer ärgern wollen, die suchend extrem langsam fahren oder mitten im Weg oder in einer Kurve einfach Halt machen, um Fotos aufzunehmen, denn diese Menschen halten die Wirtschaft der Insel am Laufen. Wie oft haben wir uns gesagt, freue Dich über all die Amerikaner, die auf der Insel Urlaub machen, obwohl sich manch einer benimmt, als gehöre ihm die ganze Welt…. sie sind es nämlich, die die Wirtschaft hier ankurbeln und die jetzt der Insel die Treue halten und in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten hierherkommen.

Gerade heute hatte ich mich mit zwei Amerikanerinnen zum Frühstück verabredet und wir haben besprochen, wie wir hier vor Ort den Menschen weiterhelfen wollen und wie sichergestellt werden kann, dass die Hilfen eben auch bei genau diesen Menschen ankommen. Das funktioniert einzig dadurch, dass wir hier vor Ort mit den Menschen reden, die alles verloren haben und ganz gezielt die Dinge besorgen, die sie brauchen und sie persönlich abgeben. Unser neustes Projekt ist, dass wir einen lokalen Imbiss mit Fleisch versorgen und er die Sachen dann grillt und umsonst an Bedürftige ausgibt.

Die Zeit, das Geld und die Fahrten, die wir dafür investieren, werden uns mit leuchtenden Augen, freudigen Lächeln und fröhlichen Umarmungen gedankt. Es ist hier ganz selbstverständlich, dass man sich gegenseitig hilft und wir haben bisher wirklich nur positive Erfahrungen mit Einheimischen gemacht.

Viele von ihnen leben im Jetzt, denken noch gar nicht an Morgen und nehmen das Schicksal an wie es ist. Oftmals haben sie – trotz schwieriger Lebensbedingungen – eine positivere Haltung zum Leben als manch Weißer, der hier lebt. Großes Gottvertrauen und Zuversicht, dass die Zeiten besser werden, halten diese Menschen lebensfroh. Viele haben hohen Redebedarf und erzählen uns, wie sie derzeit ihr Leben meistern. Immer wieder fällt der Satz „das Wichtigste ist, wir haben überlebt! Danke dem Herrn!“

Im täglichen Leben geht nun der Kampf um Wohnraum und Einkommen weiter. Viele Vermieter verlangen trotz unbewohnbarer Zustände volle Mieten oder kündigen ihren Mietern, weil sie renovieren wollen oder selber einziehen möchten. Gnadenlos werden sogar Familien mit Kindern auf die Straße gesetzt und volle Mieten eingefordert. Obwohl der französische Gesetzgeber Mieter stark schützt und man während der Hurricane Season eigentlich nicht gekündigt werden darf, wird manch einem deutlich gemacht, dass man sie als Mieter loswerden will. Da kommt dann auch mal der Vermieter in Begleitung zweier Männer, die den Fuß in die Tür stellen und Drohungen aussprechen oder die Kündigung flattert schriftlich per Einschreiben unangekündigt ins Haus. Problem ist derzeit, dass es sehr wenig bewohnbaren Wohnraum auf der französischen Seite gibt und inzwischen ein Studio, das vor Irma 800 Euro im Monat gekostet hat, 1000 Euro im Monat kostet. Eine 3 Zimmer Wohnung ist unter 2000 Euro kaum noch zu kriegen.

Oft hat sich der Vermieter seit Irma auch überhaupt nicht bei seinen Mietern blicken lassen, nichts wurde repariert oder wieder in Stand gesetzt, der Pool wird nicht gereinigt und man lebt noch immer mit offenen Dächern, kaputten Fenstern und defekten Türen. Alles, was ausgetauscht und repariert wurde, machen die Mieter dann selber, bzw. wurde auf eigene Kosten gemacht und trotzdem wird 100% Miete verlangt. Auch für die Wochen ohne Strom, ohne Wasser, ohne Dach…. Wenn man sich als Mieter zu sehr auf die Hinterbeine stellt, hagelt es dann unter Umständen prompt die Kündigung und dann hat man ein Problem, denn um neuen Wohnraum kämpfen derzeit ja auch alle diejenigen, denen das ganze Haus oder Inventar weggeflogen sind.

Man braucht aber nicht nur einen Job, von dem man die Miete zahlen kann, sondern man muss erstmal Wohnraum finden, der langfristig und bezahlbar vermietet wird und in den man überhaupt einziehen kann, bzw. der noch zu renovieren ist und nicht vollkommen zerstört.

Die Frage lautet nun nicht mehr nur, „hast du noch ein Dach“, sondern auch, „hast du noch einen Job“? Denn ohne Job ist es ebenfalls kaum möglich, neuen Wohnraum zu finden. Bedeutet eben auch, dass die Vermieter, obwohl vom Gesetz benachteiligt, nun aufgrund der Situation, im Vorteil sind.

Grundeigentümer haben momentan alle Hände voll zu tun, ihren Besitz wieder in Stand zu setzen, Dächer zu schließen, sich mit der Versicherung zu einigen und Handwerker zu finden, die zuverlässig sind, gute Arbeit machen und überhaupt Zeit haben. Handwerker haben jetzt goldene Zeiten hier! Wenigstens brauchen Eigentümer auf der französischen Seite keine Grundsteuer zahlen und die Kredite müssen derzeit auch nicht bedient werden. Viele Eigentümer haben aber gar keine Rücklagen, um mal eben ein neues Dach zu zahlen.

Die meisten Hotels haben diese Saison abgeschrieben und werden überhaupt nicht eröffnen, sondern nutzen jetzt ein Jahr lang die Zeit, um komplett abzureißen, zu reparieren oder zu renovieren. Die Hotels, die wiedereröffnen, werden schnell ausgebucht sein, denn die Nachfrage nach Hotelzimmern ist momentan größer als das Angebot. Da das Angebot so klein ist, haben die Fluglinien die Flüge hierher reduziert und die Preise angehoben, was es den willigen Touristen noch schwieriger macht hierher zu fliegen.

Dabei sehen unsere Strände wundervoll aus, sie sind in einen herrlich natürlichen und ursprünglichen Zustand zurückversetzt worden, so wie in den 80er Jahren und im Stillen hoffe ich, dass nicht wieder so viele Beach Clubs eröffnen und nicht mehr so viele Kreuzfahrer auf einmal pro Tag hier Halt machen werden. Es war in der Hochsaison an manchen Tagen schon manchmal grenzwertig voll.

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Orient Bay Mitte der 80er Jahre mit Blick nach Mont Vernon.
@albertmcdonald

Sicher liegen hier und dort noch Ansammlungen von Dachresten oder kaputte Autos, kaputte Gebäude und manche Ecken sind wirklich sehr zerstört, aber es gibt auch viele schöne Ecken und Restaurants, die wieder aufhaben und alles anbieten, was den kulinarisch geschulten Gaumen kitzelt. In Simpson Bay, dem Strip an dem die meisten Restaurants und Hotels auf der holländischen bzw. südlichen Hälfte der Insel sind, ist es schon wieder alles wie vor Irma. Nur wer mit dem Auto mal nach Maho, Nettle Bay, Marigot, Grand Case, Ansel Marcel oder Oyster Pond fährt, der sieht die Ecken, in denen der Sturm am Stärksten gewütet hat. In diesen Ecken wird es mindestens bis Mitte 2018 dauern, bis man dort wieder Urlaubern Hotelzimmer anbieten kann.

Die Sonnenuntergänge, das Meer, der Strand und die Menschen sind geblieben und so schön wie vor diesem furchtbaren Sturm, über den hier eigentlich schon keiner mehr reden mag. Wir wollen jetzt Licht am Ende des Tunnels und nach vorne sehen. Jeder will schnellstmöglich alles wieder herstellen und aufbauen!

Wie „Phoenix aus der Asche“ wird die Insel auferstehen und schöner, besser und neuer aussehen, wenn alles fertig ist. So heisst auch das Programm der lokalen Regierung! Hier ein sehr eindrucksvolles Video über die Zeit vor, während und nach dem Hurricane :

Link zum Video vom Collectivite Saint Martin

#wewillriseagain #sxmstrong #sxmsmileagain

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@rtgh photography
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