#Tag 2 nach Irma

Donnerstag, den 7.9.2017

Nach dem Aufwachen gingen wir wieder auf die Terrasse, nun schien die Sonne und wir mussten das Abflussrohr auf der Terrasse frei kriegen, damit die Terrasse nicht überläuft und dann noch mehr Wasser ins Haus laufen würde.

Nochmals ließen wir den Blick schweifen und schauten uns in der Marina um…. es war nach wie vor erschütternd! Kaum ein Boot war heil geblieben, kaum ein Dach nicht beschädigt… selbst Betonhäuser hatten massive Schäden.

Innen bei uns war alles feucht, klamm und roch muffig. So gut es ging, hingen wir die Sachen zum Trockenen auf. Stück für Stück schleppten wir die Gartenmöbel wieder raus und wischten alles trocken. Fegen, wischen, schleppen…Kein Wasser, kein Strom, keine Kommunikation, keine Information und das sollte auch vorläufig so bleiben.

Man funktionierte recht mechanisch, obwohl der Körper verspannt war und nach all den Anstrengungen und all der Schlepperei überall Muskelkater aufwies, machte man weiter. Man wusste gar nicht, wo man anfangen sollte und fühlte sich dabei, als sei man in einer Waschmaschine durch den Haupt- und Schleudergang gegangen.

Kategorie 5 bedeutete immerhin Windgeschwindigkeiten über 250 km/h und in diesem Fall lagen die Spitzen sogar bei 426 km/h.

Saffir Simpson Skala

Obwohl wir total erschöpft waren, haben wir uns dann auf den Weg gemacht, um unsere Freunde zu suchen und zu sehen, wie es ihnen geht. Dazu mussten wir über die halbe Insel fahren. Wir fuhren los und als wir nur über den Hügel aus der Marina raus fuhren und den Strand sahen, hat es mich wieder schier umgehauen:

Hier sah es noch schlimmer aus als in der Marina. Hier hatte nicht nur der Wind gewütet, sondern meterhohe Wellen hatten die Häuser einfach leer gespült. Alles, was eigentlich in den Häusern an Möbeln, sanitären Anlagen oder persönlichem Gut war, lag völlig zerstreut hinter den Häusern. Es sah furchtbar aus! In Strandnähe waren die Häuser von den 10 Meter hohen Wellen regelrecht überspült und durchflutet worden. Teilweise waren die Häuser auch einfach weg.

Wir fuhren weiter nach French Quarter und sahen dort die Reste massiver Überschwemmungen. Das Haus direkt hinter dem Stop mit dem Iguana Man war einfach weg. Es stand nur noch das Fundament und das Haus war fortgespült worden. Dort hatten immer Blumenkübel vor der Tür gestanden und die Frau hatte mit Lockenwicklern im Haar vor der Haustür mit den Nachbarn geredet. WEG!

Gleiches Bild in Orient Bay: am Strand direkt stand KEIN einziger Beach Club mehr. Keine einzige Bude und nur noch eine Palme…. ansonsten alles weg! Das Wasser war auch hier über den Strand hinweg in die Häuser geschwappt und man konnte erkennen, dass es bis zum Kreisel BERGAUF gelaufen war, denn hier lag die Müllkante und einige Jet Skies, die an einander gekettet waren und dorthin geschwemmt worden war. Überall sah man eine Zerstörung unglaublichen Ausmaßes! In wenigen Stunden waren hier Schäden entstanden, die ewig brauchen würden, um wieder behoben zu werden.

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Gleich am Ortseingang wohnen die Luxemburgerin und ihr deutscher Mann, bei denen unsere beiden deutschen Freunde unterkommen waren. Wir Frauen vielen uns wortlos in die Arme und drückten uns. Schiere Verzweiflung lag in ihrem Blick, als ich sie fragte, wie es denn bei ihnen aussehen würde. Die beiden Deutschen befürchteten alles verloren zu haben, denn auch ihr Haus steht direkt an der Wasserfront und war einfach überspült worden. Sie hatten ihr Heim schon vor dem Sturm verlassen müssen. Ein Glück! Doch nun bestand Einsturzgefahr und sie konnten nicht zurück. Keine Bleibe, kein Einkommen, keine Existenz, keine Perspektive! So geht es jetzt vielen nach IRMA.

Viele hier leben vom Tourismus und uns war allen klar, solange es so aussieht wie es jetzt aussieht, kommen die Urlauber eher nicht. Wo sollten sie auch wohnen? Inseltouren würde es vorläufig vielleicht auch eher nicht geben.

Wir haben überlebt und das war die Hauptsache. Alles andere würde sich finden. Wir würden uns etwas Neues aufbauen müssen…erst einmal müssen wir uns um unser Wohl und das der anderen kümmern. Alles andere muss warten! Die Infrastruktur war zerstört und nahezu jedes Gebäude…. die Menschen hatten jetzt große Not und wir wollten helfen. Das beschlossen wir gemeinsam!

Wir munterten uns gegenseitig auf und alle waren sich einig: wir bleiben auf jeden Fall hier! Hier ist unser Zuhause und auch wenn es jetzt schwer wird, ist unsere Hilfe hier gefragt und es ergeben sich sicher Möglichkeiten. Wir waren uns sicher, dass es dann später auch eine Lösung für uns ergeben würde. Auch wenn man sie sich in dem Moment nicht vorstellen konnte. Zu groß war die Verwüstung und die Schäden so massiv, aber wir sind hier nun zuhause und das gilt für die guten wie für die schlechten Zeiten! Weglaufen verbietet sich von selber, denn uns ging es noch besser als vielen anderen.

Uns trieb dann nur noch ein Thema um: ein weiterer Hurricane war angekündigt : JOSE und wir hatten keine Infos, da es kein Internet mehr gab. Samstag sollte er hier ankommen, das hatte ich noch sehen können, d.h. uns blieben nur 2 Tage bis dahin und es gab kaum noch sichere Unterkünfte und all das Zeug, was jetzt umher lag stellte eine massive Bedrohung dar. Wenn das rumfliegen wird, dann gibt das der Insel den Rest.

Wir fuhren weiter Richtung Marigot und unterwegs sahen wir, wie die Geschäfte entweder vom Sturm völlig zerstört oder geplündert wurden. Da trugen Leute alles raus, was sie nur tragen konnten. Es waren nicht nur Einheimische, sondern auch Menschen, die wir sogar vom Sehen her kannten! Es wurden Computer, Fernseher, Sonnenbrillen, Wein, ja ganze Waschmaschinen geplündert und die Einrichtung der Geschäfte dabei restlos zerstört. Es wurden Supermärkte geplündert und weit und breit war niemand, der der Meute Einhalt gebot. Ein verstörender Anblick!

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Wir versuchten uns irgendwie einen Überblick zu verschaffen, irgendwo Telefonnetz oder Internet zu bekommen, beschlossen dann aber, aus Sicherheitsgründen lieber wieder nach Hause zu fahren.

Also drehten wir um und fuhren wieder zurück. Zuhause machten wir uns wieder etwas zu essen auf unserem Gasgrill und fielen völlig erschöpft auf unsere Matratze. Mir ging der Anblick der Menschen nicht aus dem Kopf, die mit Sachen unter dem Arm aus den Geschäften kamen…. völlig absurd! Und weit und breit keine Gendarmerie….

Thommy hielt die ganze Nacht Wache und leuchtete mit einer Taschenlampe ums Haus. Der Mond schien zwar hell, aber ansonsten war alles dunkel. Wir bekamen kaum ein Auge zu in der Nacht….

Hier der Link zu einigen Fotos, die an dem Tag gemacht wurden: einfach drauf  klicken >>>  Fotos

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