Irma Kategory 5 – der stärkste Hurricane im Atlantik

Heute am 5.9.2017 soll Irma die Insel St. Maarten erreichen. Der Tag begann mit riesigen Wellen und es lag eine gespenstische Ruhe vor dem Sturm in der Luft. Kein Hundebellen, kein Vogelzwitschern, keine anderen Geräusche als Hämmern und Klopfen an Fenstern, Türen und Dächern….

Unsere deutschen Gäste machten sich direkt abreisebereit und unsere einzigen Sorgen waren, die beiden rechtzeitig von der Insel zu bekommen und eine sichere Unterbringung für uns selber zu finden, denn die Wettervorhersagen prophezeiten einen Jahrhundert-Hurricane.

Nach vergeblichen Versuchen in einigen Hotels noch unterzukommen, fuhren wir die beiden zum Flughafen, während Irma von Stunde zu Stunde an Intensität zunahm. Die Angst der Einheimischen und derer, die schon mal einen Hurricane erlebt haben, war förmlich zu spüren. Auf Facebook posteten viele eine Art Abschiedspost und manch einem standen da schon die Tränen ins Gesicht. Beklemmung machte sich breit. Viele Freunde erkundigten sich noch per Internet, ob wir gut untergebracht seien und meine beiden Männer hämmerten noch die letzten Spanplatten vor die Fenster. Ich solle das Internet ausmachen, das würde mich nur kirre machen…jetzt könnten wir eh nix mehr ändern…

Als es dunkel wurde, haben wir uns im kleinen Zimmer schlafen gelegt. Noch hatten wir Strom – ich war eh so aufgeregt, dass ich kein Auge zu bekam. „Ruh´ Dich aus“, mahnte Thommy. Bis 23 Uhr dämmerten und schliefen die beiden Männer, während der Wind stark zunahm. Gegen 2 Uhr waren starke Regengüsse auf dem Dach zu hören, es wurde laut und der Luftdruck fiel gehörig. Die Ohren poppten. Nun fing es an, durch die Fenster rein zu regnen. Davon wurde Sohnemann wach. Den Lärm hatte er nicht gehört.

Gegen 2.30 Uhr nachts waren wir alle 3 wach, Sohnemann und ich hatten eine Matratze über uns gelegt, denn es rumste so stark gegen die Außenwände und das Dach, dass wir mit dem Schlimmsten rechnen mussten. Das Haus erlitt so starke Erschütterungen, als würde ein Auto von außen gegen fahren.

Nun riss die Sat-Schüssel vom Haus ab und schlug hin und her gegen die Außenwand bis sie ganz abflog. Wasser, Windböen, Knarren, Rauschen und heftige “Rums“-Geräusche wechselten sich ab. Ich hielt mir beide Ohren zu, da die Geräusche so angsteinflößend waren, dass ich mich nur noch auf meine eigene Atmung konzentrierte. Keiner von uns sagte etwas. Jeder war mit sich beschäftigt. Außer einem gelegentlichen: „Bist du ok? Alles gut bei Dir?“ schwiegen wir. Man konnte sich wegen des Lärms eh kaum verstehen.

Die ganze Nacht tobte draussen dieser furchtbare Hurricane Irma, peitschte und zerrte ums und am Haus. Sie riss an den Hauswänden und diese wackelten wie bei einem Erdbeben. Es wackelte einige Mal so stark, dass ich dachte wir stürzen mit dem gesamten Haus-Komplex vom Hang direkt auf die Straße hinunter. Man kann in Worten kaum beschreiben, wie sich so etwas anfühlt. Es sind die starken Böen, die einen fürchten lassen. Über Stunden ging das so und man dachte, das hört und hört einfach nicht auf….hört mal:

Morgens um 6 Uhr war es dann plötzlich ruhig – das Auge des Hurricane war direkt über uns. Das Licht war gelblich und hell. Absolut windstill. Thommy ging einen Schritt vor die Tür, kurz darauf wollte Sohnemann auch unbedingt gucken. Mir war angst und bange, hatte ich doch gelesen, man solle das in keinem Fall tun, denn ganz plötzlich nimmt der Sturm wieder Fahrt auf und zwar in der gleichen Heftigkeit wie zum Ende der ersten Runde. Kaum waren beide wieder drin, beruhigte ich mich etwas und eine gefühlte ¾ Stunde später, ging es wieder los, diesmal von der gegensätzlichen Seite (von der Wasserseite) aus.

Bastian Ter Hart

Nun drückten starke Regengüsse und Böen gegen die Eingangstür. Von jetzt auf gleich trat Wasser zwischen den Ritzen und Fugen ein – wie Spray. Das Wasser, dass durch die Maserung der Holztür eintrat, machte ein sehr lautes Geräusch, als würde man auf einem Kamm blasen… Die Tür drohte nicht länger Stand zu halten, sodass Thommy Sohnemann zuschrie, „komm, wir schieben den Kühlschrank, die Kommode und die Couch vor die Tür.“ Es gelang den beiden, die Gegenstände zwischen die Tür und die gegenüberliegende Wand zu schieben, doch ich sah auch, dass Thommy sich zusätzlich gegen die Tür drückte und diese, inklusive Rahmen, immer kurz in den Raum geschoben wurde. Thommy rief, wir sollen ins Bad laufen. Ich schrie, „Kommt von der Tür weg“ und im nächsten Moment trat die Tür samt Rahmen in den Raum ein. Mit ihr der Sturm in Form von heftigstem Wind, Regen, Lärm und starkem Druck.

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Wir hockten nun zu zweit auf einer kleinen Matratze, als Thommy noch eine weitere Doppelmatratze ins Bad schob und kurz darauf selber ins Bad sprang. Alles ging blitzschnell. Er warf sich von innen gegen die Badezimmertür. Er kämpfte mit der Tür, doch sie ließ sich nicht mehr dauerhaft gegen den Druck des Sturmes, der nun auch IM Haus war, schließen. In dem Moment, als er sich zu uns drehte, flog sie hinter ihm auf. Thommy riss seinen Arm schützend hoch und die Tür schlug ihm voller Wucht gegen den Unterarm.

Nun drang der Sturm mit massivem Druck ins Badezimmer und uns drohten die Ohren zu platzen von dem Druck…. ein paar Sekunden lang dachte ich, jetzt explodiert der Raum….das war es jetzt ! …. doch es gab dann Sekunden später einen weiteren Knall und der Druck entwich durch das Seitenfenster. Die Spanplatte war nach außen hin abgeplatzt und nun sauste der Sturm durch die Tür rein, durch uns durch und zum Fenster wieder raus. Thommy sprang mit einem Hechtsprung zu uns unter die Matratze und wir klammerten uns von unten an der Matratze fest.

Zu Dritt lagen wir nun auf einer einzelnen Matratze – über uns die Doppelmatratze – durch uns durch jagte Irma. Man konnte die Energie, diese gewaltige Kraft körperlich richtig spüren und immer wenn sie etwas nachließ, kam eine heftige Böe hinterher, die einem sofort klar machte, es ist noch lange nicht vorbei.

Mit ohrenbetäubendem Lärm jagte sie durch uns hindurch und brachte auch viel Regen mit ins Bad. Der Wasserpegel im Raum stieg merklich an… Nur in T-Shirt und Unterhose lag ich auf den Fliesen, Sohnemann hatten wir schützend in die Mitte gelegt. Wir blieben ruhig. Keiner sprach. Kurzzeitig dachte ich, ich müsse mich übergeben, aber das fehlte jetzt noch, dachte ich und schluckte den Reflex wieder runter. Der Wasserpegel stieg langsam und stetig und ich fing an zu frieren.

Der Wind jaulte, pfiff, heulte und tobte durch unser Bad für Stunden. Man traute sich nicht einmal den Kopf an der Seite rauszustecken, um zu gucken, sondern blieb einfach starr an der gleichen Stelle liegen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Böen etwas an Intensität nachließen und Thommy sofort aufsprang, um unsere Wertsachen aus dem Nebenzimmer zu holen. Wieder bekam ich Angst und flehte ihn an, noch zu warten, sein Leben sei wichtiger als das. Er konnte kaum noch abwarteten, ging dann nach einiger Zeit raus und kam kurz darauf aus dem Nebenraum mit der Tasche ins Bad zurück. Er musste sich am Türrahmen festhalten, so stark bließ der Wind noch durch die Eingangstür ins Haus.

Wir blieben weitere 2 Stunden so liegen. Thommy versuchte uns aufzuheitern, indem er so tat, als würde er unten im Restaurant eine Pizza bestellen und fragte, ob sie heute liefern würden. Wir mussten lachen…

Vorab hatte ich gelesen, dass es gegen 10 Uhr am Mittwochmorgen weniger werden sollte, doch es dauerte weitere 2 Stunden bis der Wind soweit nachließ, dass wir uns aufrichten und aus dem Fenster schauen konnten. Wir sahen nur bruchstückhaft wie es draußen aussah, aber es bot sich ein Bild der Verwüstung. Kein Blatt mehr an den Bäumen und Büschen! Die Boote in der Marina waren nahezu alle zerstört, an Land geworfen oder einfach zerknüllt oder gekentert. Abgedeckte Dächer, ganz Häuser waren einfach weg, weggefegt, zerstört… Es roch stark nach Gas, dann wieder nach Benzin…. Alles war durcheinander gewirbelt, kaputt oder nass. Innen wie außen.

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Richtig Rumlaufen konnten wir dann nach weiteren 2 Stunden (gegen 14 Uhr am Mittwoch, den 6.9.17). Die Terrasse stand 10 cm unter Wasser, der Abfluss war verstopft, die Regenrinnen und die Antennen waren abgerissen, das Haus hatte mehrere Ecken und Dellen bekommen und das Dach war auch an mehreren Stellen beschädigt.

Auf den Straßen trieben sich alle möglichen Leute rum, schleppten Sachen hin und her. Ob das Plünderer waren? Oder gehören die in die Nachbarschaft? Wir wussten es nicht, aber es mutete schon komisch an, dass jemand bei so starkem Wind und Regen Sachen aus dem Haus auf einen Pick-Up schleppte. Zum Glück wohnen wir weit oben über der Straße und der Aufstieg ist mühseelig. Das hält den einen oder anderen davon ab, überhaupt zu uns hoch zu kommen. Mulmig war mir trotzdem!

Wir funkten über Seefunk Kanal 16, dass wir scheinbar schon Plünderer in der Nachbarschaft haben und hofften darauf, dass die Gendarmerie sich der Sache annehmen würde. Was wir zu dem Zeitpunkt nicht wussten war, dass die Gendarmerie gar keine Funkverbindung hatte und so wartete man vergeblich.

Als wir endlich rauskamen und ich den Blick über die Marina schweifen lassen konnte, bin ich so erschrocken, dass mir Tränen in die Augen schossen und ich mir die Hand vor den Mund halten musste. Das war ein sehr emotionaler Moment, denn das Ausmaß der Zerstörung ringsum war gewaltig. Was für eine Energie war da über und durch uns durch gejagt….. Puh! Wir hatten Irma überlebt und das allein zählte in dem Moment. Das wurde mir da schlagartig bewusst: wir hätten tot sein können!

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Im nächsten Moment kam Verzweiflung auf, denn man erkannte sofort, dass es lange dauern würde, bis das Paradies wieder zu ähnlicher Form zurückfinden würde. Und es wird eine große Anstrengung werden! Was sollte aus uns bis dahin werden? Wie sollte es weitergehen? Thommy meinte, ein Tag nach dem anderen und wir würden sehen, es würde schneller gehen, als man es sich jetzt vorstellen könnte. Es würde Hilfen geben und wir sollten uns darum nicht jetzt Gedanken machen. Nur über das, was jetzt ansteht und das seien die Katzen und die Nachbarn befreien. Er griff nach seiner Bohrmaschine und öffnete damit alle Rolläden, aber nur soweit, dass man unten durch krabbeln konnte, denn noch immer pfiff der Wind und es regnete.

Als wir unsere Rolläden öffneten fanden wir ein totales Chaos vor. Die Katzen waren verstört und auch hier hatte es Wassereintritt gegeben, weit geöffnete Fenster und Nässe von oben bis unten. Wir beruhigten die Tiere und fütterten sie.  Danach versuchten wir überall etwas Durchzug entstehen zu lassen, obwohl man die Rolläden noch nicht hochziehen konnte, da es noch immer stark wehte und regnete.  ALLES war quatschnass! Die Möbel, die elektronischen Geräte, Kleidung, Betten, Matratzen und es klebten nasse Blätter an den Wänden und unter der Decke. Alles mit Salzwasser durchtränkt….

Vor dem Hurricane (ungefähr nach jedem Stromausfall) hatten wir bei unserem Vermieter nach einer Handkurbel für die Rolläden gefragt, denn bei Stromausfall, ließen sich diese nicht mehr öffnen und man war gefangen im rechten Bereich des Hauses. Noch kurz vor IRMA hatten wir eine Email geschrieben und es hieß, da komme jemand, der uns eine bringen würde. Nichts geschah! Ebenso erging es allen Nachbarn, die nur durch uns befreit wurden.

Wir liefen nach unten, noch immer regnete es. Wir riefen und klopften an die Shutter, doch keine konnte seine selber öffnen. Thommy öffnete einen Rolladen nach dem anderen und einer nach dem Anderen kam aus seiner Wohnung gekrabbelt und berichtete von seinen Erlebnissen. Alle waren soweit wohl auf, aber die Dächer hatten Löcher, auch ihre Fenster waren aufgegangen und bei einigen waren sogar ganze Felsbrocken ins Haus geflogen, bzw. Holzbretter hatten das Dach durchschlagen und steckten in der gegenüberliegenden Zimmerwand. Es hätte Tote geben können!

Alle waren sich einig, dass ein 10-stündiger Höllentrip hinter uns lag und es ein Hurricane in noch nie gewesener Intensität war. Die Beschreibung Kategorie 5 reiche da nicht mehr aus. Wir hatten ja keinen Vergleich, schließlich war IRMA unser erster Hurricane. IRMA hat Menschenleben gekostet, Existenzen ruiniert, Menschen obdachlos werden lassen und jedes grüne Blatt von der Insel gefegt.

Inzwischen hatte der Wind endlich etwas nachgelassen, sodass wir uns völlig erschöpft von den Strapazen, auf das einzig trockene Bett haben fallen lassen und alle drei einschliefen. Als wir wieder wach wurden, wurde es schon langsam dunkel. Strom und Wasser funktionierte natürlich nicht und wir fingen an, uns bei Kerzenschein etwas auf unserem Gaskocher zu kochen. Das Rührei tat richtig gut.

Noch immer wehte es so stark, dass man die Rolläden besser nicht ganz öffnete, zumal man sie – aus Sicherheitsgründen – abends ja eh wieder runter machen musste und wir nicht den Akku aufbrauchen wollten. Wer weiß, wann wir wieder Strom kriegen würden…

Gegen 18 Uhr wurde es dann wieder dunkel und wir gingen erschöpft zu Bett. Wieder mussten wir uns eine Matratze teilen, da alle anderen durchnässt waren. Es war überall nass… der Boden schwamm…. und der Wind pfiff noch die ganze Nacht….ich konnte ihn schon nicht mehr hören….

Hier noch ein Video, in dem man sehr deutlich erkennt, wie stark der Wind im Haus war, als Türen und Fenster nicht stand hielten: Video

#Tag2 nach Irma

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5 Gedanken zu “Irma Kategory 5 – der stärkste Hurricane im Atlantik

  1. 2016 war ich 2x auf St.Maarten,es war eine sehr schöne karibische Insel.Besonders beeindruckend für mich ein Gottesdienst am 4.Advent in der anglikanischen Kirche,wunderbare Weihnachtslieder in karibischem Sound.Da die Kirche ein relativ hohes Gebäude war,ist sie heute bestimmt nur noch ein Trümmerhaufen.Wie kann man helfen ?

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