St. Martin / St. Maarten im Stern

Unter der Rubrik REISE Erschienen im Stern 43/2021 von Raphael Geiger

Karibik-Insel St Martin: Ein gelobtes Land der vielen Völker

Auf St. Martin leben rund 80.000 Menschen aus mehr als 100 Ländern friedlich zusammen. Wie das funktioniert? Mit Toleranz. Und ganz viel Entspannung.

Es fängt damit an, dass man auf dieser Insel quasi am Strand landet. Die Landebahn von St. Martin beginnt wenige Meter hinter dem Maho Beach, was bei den Badenden zum Eindruck führt, sie könnten, wenn sie sich strecken, fast die Fahrwerke der landenden Maschinen berühren.

Aus dem Flugzeugfenster sieht man, kaum aufgesetzt, türkisblaues Meer, denn auch entlang der Landebahn liegt Küste. Dafür mag man St. Martin sofort: dass die Insel vom ersten Moment an alle Erwartungen erfüllt. Türkisblaues Wasser, Palmen, nur ein paar Schleierwolken am Himmel. Karibik wie erträumt, ja, wirklich.

Vielleicht liegt es an der Pandemie, jedenfalls ist gleich alles viel intensiver. Als wäre man auf Entzug gewesen. Zu lange kein Urlaub, das Schöne fehlte, die Postkartenorte dieser Welt, die Strandmomente. Vielleicht sind die Sinne jetzt auf scharf gestellt, man registriert Vor-Pandemie-Schwingungen. Im Flieger aus New York schon, Ziel St. Martin. Auf dem Gangplatz in Reihe 23 telefoniert vor Abflug noch eine junge Amerikanerin: „I’m sooo excited!“ Sie trägt ein Leinenkleid und Flip-Flops, als wäre sie schon am Strand.

Hinter dem Maho Beach beginnt die Landebahn des Princess Juliana International Airport (BUENA VISTA IMAGES / GETTY IMAGES)

Anderen sieht man es durch die Masken hindurch an, dass sie die Tage heruntergezählt haben bis heute. Was könnte erlösender sein als ein Flug auf eine Karibikinsel? Klar, das ist Luxus. Aber wahrscheinlich liegt gerade darin das Geheimnis, warum so eine Reise eben, ja, erlöst. Ein Urlaubsflug, das ist das Gegenteil von Pandemie.

St. Martin also. Die Postkarte gleich zu Beginn. Angekommen in der schwül-heißen Nachmittagsluft. In der Urlaubsroutine. Draußen vor der Ankunftshalle bieten sich Taxifahrer an, wunderbar, am Mietwagenschalter dauert alles ein bisschen länger, so muss es sein, erst mal das Tempo rausnehmen.

An einer Strandbar neben dem Flughafen, fast fußläufig vom Terminal, haben sich die Planespotter eingefunden und warten auf die Landung der Air-France-Maschine aus Paris, auf ihren fast greifbaren Anflug. Beim Bier kann man sich zwischen „Heineken“ und „Dutch Blonde“ entscheiden, schließlich befindet man sich noch auf dem niederländischen Teil der Insel.

Es kommt in St. Martin viel zusammen, fast die halbe Welt, das wird schnell klar. Niederländische Seite, französische Seite. Süden, Norden. Im niederländischen Süden Sint Maarten liegt der Flughafen, liegen die größeren Hotels und Resorts, die Zahl der Amerikaner ist hoch. Die lokale Währung hat vor dem US-Dollar kapituliert.

Philipsburg Hauptort von Sint Maarten, hat nur etwa 1300 Einwohner. PIXABAY

An der Grenze zum französischen Norden Saint Martin, anders als der Süden nicht autonom, sondern wirklich französisch, ändert sich die Stimmung. Gleich hinter dem EU-Schild eigentlich. Saint Martin hat kleinere Ferienhäuser, Boutique-Hotels, kaum Resorts, weniger Verkehr, weniger Lärm. Im niederländischen Teil ist die Umgangssprache Englisch, hier Französisch. Man zahlt mit Euro. Es ist der europäische Teil, die alte Welt.

Kaum am EU-Schild vorbei, stößt man auf den Orient Beach, einen der schönsten Strände der Insel. Und dort auf etwas, was den aus den USA angereisten Reporter schockiert: einen „plage naturiste“. Nackte Menschen auf Liegen. Europa, eindeutig.

Kulturelle Vielfalt

Schon eine Rundfahrt um die Insel, zu machen an einem halben Tag, erzählt davon, was für eine Welt im Kleinen das hier ist. Einerseits eben Postkarte, unschlagbar im Wecken von Fernweh und im Erfüllen von Urlaubserwartungen. Andererseits aber auch ein Ort, wo sich über die Jahrhunderte und vor allem die vergangenen Jahrzehnte immer neue Menschen mit denen gemischt haben, die schon hier waren. Ein libanesisches Restaurant neben dem kreolischen erwartet man ja nicht unbedingt in der Karibik. Eine kleine alte jüdische Gemeinde. Vor allem Kirchen, aber auch Moscheen, ein paar hinduistische Tempel und buddhistische.

Verkäuferin an einem Stand in Marigot. OFFICE DE TOURISME DE SAINT MARTIN

Ein indisches Pärchen kam Anfang der 70er Jahre hierher auf Hochzeitsreise, als vielleicht 12.000 Menschen auf Sint Maarten lebten. Beziehungsweise auf Saint Martin. Sie waren mit einem Rückflugticket eingereist, aber den Rückflug ließen sie verfallen. Kurze Zeit später kam Arun Jagtiani zur Welt. Ein Mann, der hier eine Immobilienagentur aufgebaut hat, oder, wie er sagen würde: „Eine kleine UN.“

Immobilienmakler Jagtiani, 44, geht seine Mitarbeiter durch und zählt die Nationalitäten, die in seinem Büro im niederländischen Teil heute arbeiten: England, Kanada, Slowenien, Dominica, St. Vincent, Frankreich, Russland, Haiti, Indien. „Das ist nur unser kleines Beispiel“, sagt Jagtiani, „unsere Firma. Ganz Sint Maarten ist so.“

Arun Jagtiani, Sohn indischer Einwanderer, arbeitet als Immobilienmakler RAPHAEL GEIGER

Menschen aus mehr als 100 Ländern leben auf der Insel. Anders gesagt: Nur etwa jede oder jeder Fünfte ist wie Arun Jagtiani hier zur Welt gekommen. Es ist eine Gesellschaft, die mit dem Tourismus noch mal neu anfing. Erst kamen die Europäer zu den Indigenen und schifften bis ins 19. Jahrhundert Menschen aus Afrika ein, die sie versklavt auf den Feldern arbeiten ließen. Als die Franzosen im Norden die Sklaverei abschafften, 1848, drohten die Sklaven im niederländischen Süden mit Aufstand, sollten sie nicht ebenfalls freie Bürger werden. Erst 1863 war es so weit, reichlich spät.

Mit den Plantagen war es dann vorbei, die Insel dämmerte vor sich hin. Bis eben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Phänomen aufkam, dass Leute aus den USA und Europa dafür bezahlten, sich auf St. Martin in die Sonne zu legen. Der Tourismus. Wieder zogen Menschen auf die Insel, um hier zu arbeiten, wenn auch diesmal freiwillig. Eine ganz neue Identität entstand. Und entsteht immer noch, mit jedem neuen Einwanderer aus Osteuropa oder Ostasien oder aus Südamerika.

Warum das hier funktioniert? Warum es weder im niederländischen noch im französischen Teil dieser Insel Proteste gegen Rassismus gibt, gegen Diskriminierung? Natürlich hat die Postkarte von St. Martin auch eine Rückseite: die Seite der ziemlich schlechten Löhne für alle, die aus dem Rest der Karibik zum Arbeiten gekommen sind, die Ungleichheit zwischen ihnen und den Urlaubern. Und jenen, die hängen blieben, die sich Häuser auf der Insel kauften, die ihren Ruhestand hier verbringen.

Und doch verbindet sie alle etwas: Sie kamen hier an, als viele andere schon da waren. Wobei es so viele gar nicht sind, mehr als 80.000 Menschen leben auf der Insel bis heute nicht. Die anderen Bewohner hatten ihre Moscheen und Tempel bereits gebaut, die verschiedensten Hautfarben und Blicke aufs Leben waren auf St. Martin schon verwurzelt.

„Wir haben uns auf Entspannung geeinigt“, sagt Jagtiani. Ein bisschen langsamer alles und ein bisschen freundlicher als im Rest der Welt. „Natürlich schauen wir hier US-Fernsehen“, sagt er, „wir haben die Black-Lives-Matter-Proteste letztes Jahr verfolgt. Und wir sind sehr amerikanisch geprägt – aber das ist weit weg.“

Was also ist seine Erklärung für den Frieden? Immobilienmakler Arun Jagtiani glaubt: Wer rassistisch denke, komme gar nicht erst nach St. Martin. Der spüre, dass er hier falsch ist. Jagtiani nennt es den „akzeptierenden Lebensstil“ der Insel. Außerdem kenne man, wenigstens über ein oder zwei Ecken, fast jeden Menschen. „Vorurteile haben es schwer“, sagt er, „weil es hier immer gleich persönlich ist.“

Protest gab es auf St. Martin dennoch, kürzlich erst. Er kam von der Premierministerin der niederländischen Seite: Die musste während der Pandemie die Regierung in Amsterdam um Finanzhilfe bitten. Der Tourismus war eingebrochen, der Staat fast bankrott. In Amsterdam nahm man die Bitte als Gelegenheit, die Inselregierung zu belehren. Hilfe ja, aber nur gegen Auflagen wie Ausgaben- und Lohnkürzungen. Sie fühle sich als Kolonie behandelt, ärgerte sich die Premierministerin.

Wie auch immer der niederländisch-karibische Streit ausgeht, er könnte Geschichte schreiben. Mutterland gegen frühere Kolonie, alte gegen neue Welt. Und die wehrt sich jetzt, wenn sie sich von der alten ungerecht behandelt fühlt. Eine Botschaft aus der Karibik nach Europa: Ihr müsst euch verändern, nicht wir.

Schöne neue Welt

Arun Jagtiani sagt, er habe das Gefühl, dass er seine Insel gar nicht verlassen müsse, um die Welt zu sehen. „Unsere Freunde sind aus Kroatien, aus Südafrika, aus Brasilien. Wir sitzen am Tisch, und sie erzählen mir ihre Geschichten.“ Er, das Einwandererkind, gilt natürlich als komplett einheimisch. Ein Paradies, anders kann man es nicht sagen. Schon wegen der Strände. Und wegen der grünen Hänge, der Korallenriffe im Meer, der Nachmittage, wenn sich die Wolkenberge aufbauen und es anfängt zu regnen. Man bleibt dann am Strand. Merkt, wie warm der Regen ist und wie sich die Farbe des Meeres verändert.

Sonne, Strand, türkisblaues Wasser – am Maho Beach erfüllt die Karibik, was viele sich von ihr erträumen MARTIN MOXTER/IMAGEBROKER/SHUTTERSTOCK

Und ja, es ist ein Paradies, weil St. Martin die Welt spiegelt, aber nicht alle ihre Probleme. Je mehr Menschen herziehen, das ist vielleicht die Gefahr, desto ähnlicher wird die Insel dem Rest der Welt. Aber während man so am Strand durch den warmen Regen geht, hat man einen dieser Urlaubsgedanken, eine dieser naiven Hoffnungen kurz vor Sonnenuntergang: St. Martin, die Multikulti-Insel, sollte sich nicht der Welt anpassen. Der Rest der Welt sollte lieber ein bisschen wie St. Martin werden.

Tipps

Unterkünfte, Lokale, Sehenswertes auf und um St. Martin / St. Maarten

Anreise

Direktflüge aus Europa starten zurzeit nur ab Paris und Amsterdam. Sint Maarten verlangt zur Einreise einen negativen PCR-Test, den man vor Abflug mit einem Gesundheitsformular einreichen muss. http://www.stmaartenehas.com/application-form

Übernachten

The Morgan: Das neue Resort direkt neben Maho Beach und Flughafen hat einen Infinity-Pool zum Meer hinaus. DZ ab ca. 220 Euro, Sint Maarten, Beacon Hill Road 2, Tel. +1/721/545 40 00, http://www.themorganresort.com

Secrets St. Martin: Im Norden der Insel kann man hier, am Strand, herrlich Urlaub machen, einige Zimmer haben direkten Zugang zum Pool. DZ ab ca. 260 Euro, Saint Martin, Rue de l’anse Marcel, Tel. +1/866/ 467 32 73, http://www.secretsresorts.com

Ferienhäuser: Wer die Resorts meiden will, findet vor allem im ruhigeren französischen Teil schöne Airbnb-Häuser. Oft mit Pool, oft um etwa 100 Euro die Nacht – und meistens in Strandnähe. http://www.airbnb.de

Die offenen Grillrestaurants werden „lolos“ genannt SOULEYMAN

Essen und trinken

Enoch’s Place: Die Imbisse nebenan servieren Ähnliches, doch die kreolischen Shrimps sind hier am besten. Auch bei Einheimischen beliebt. Saint Martin, Marigot, Marigot Market

The Sun Beach Clubber: In der Strandbar gibt es auch gutes Essen, etwa Grouper-Filet mit gegrilltem Gemüse. Saint Martin, Plage d’Orient Bay

Erleben

Baden und mehr: Die bekanntesten Strände heißen Great Bay, Little Bay, Maho, Mullet, Grand Case. Wer es gern aktiver mag, taucht mit „Dive Sint Maarten“ (www.divesintmaarten.com) oder segelt mit „Aqua Mania“ (www.stmaarten-activities.com).

Inselhopping: St. Barths und Anguilla sind nur einen kurzen Flug oder eine kurze Fährfahrt entfernt. Buchung: www.stmartinbookings.com

Flavors Food Tours: Die Vielfalt der Insel kann man am besten kulinarisch erleben, etwa auf einem Ausflug, zu buchen über www.stmartinfoodtours.com

Quelle: https://www.stern.de/p/plus/genuss-reise/reise-in-die-karibik–st–martin—ein-gelobtes-land-30852490.html

Der Norden der Insel ist Teil des französischen Überseegebiets Saint Martin, während der Süden, hier zu sehen, zum autonomen Land Sint Maarten des Königreichs der Niederlande gehört GETTY IMAGES


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