Warum wir hier bleiben…

Die Insel ist unser Zuhause geworden und wir bleiben in guten und in schlechten Zeiten. Wir gehören zu dieser Gemeinschaft hier und wollen unseren Beitrag dazu leisten, dieses Fleckchen Erde wieder zu dem Paradies zu machen, dass es mal war.

Diejenigen, die das nicht verstehen können, frage ich, ob sie ihre derzeitige Heimat verlassen würden, wenn es durch was auch immer zerstört würde…. einige fliehen dann sicher, einige bleiben und werden kämpfen.

Wir sind aus zahlreichen Gründen hierher ausgewandert. An diesen Gründen hat sich nichts geändert. Wir wussten, dass es in dieser Region eine sogenannte „Hurricane Season“ gibt. Und wir wussten vorher auch, dass es seit einigen Jahren keinen Hurricane mehr gab und dass die Insel sich vor 20 Jahren nach einem Hurricane „Louis“ Kategorie 5 auch wiederaufgerichtet hat. Sicher ist das nicht vergleichbar, denn vor 20 Jahren gab es die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten nicht und ebenso wenig die schnellen Hilfen, die uns nach Hurricane #Irma zu teil wurden. Da kamen das Rote Kreuz, die französische Armee, das technische Hilfswerk aus Guadeloupe, zahlreiche Elektriker der Firma EDF und viele andere Organisationen. Auf der holländischen Seite kam das holländische Militär, um zu helfen.

Damals hat es 1,5 Jahre gedauert, bis die Insel wieder so war, wie vor Hurricane #Luis. Dieses Mal wird es hoffentlich nicht ganz so lange dauern, denn die Möglichkeiten heutzutage sind einfach besser, damit es schneller wieder „back-to-normal“ wird.

Nach dem ersten Schock und der Verzweiflung über das Ausmaß der Zerstörung, haben wir nur noch ans Überleben gedacht. Man war einzig damit beschäftigt, ob man genug Wasser und Nahrung hat, wo man Nachschub organisiert bekommt und wie man sich vor Plünderungen schützt.

Ja, es gab 3 Tage lang Anarchie auf den Strassen, weil es keinen Strom gab und weil die Armeen noch nicht eingetroffen waren. Das wiederum war dem Umstand geschuldet, dass es 3 Tage nach Irma den Hurricane #Jose gab und man den noch abwarten wollte, bevor man die Hilfen anlaufen lassen wollte. Ein eintägiger Stromausfall in New York hat im Übrigen ähnlich schlimme Folgen gehabt, als der Mob auf die Straße ging. Und das würde in jedem anderen Land ebenso passieren. Auch in Deutschland.

LINK zu einer Dokumentation darüber, was in Deutschland passieren würde, wenn der Strom länger ausfallen würde

LINK zu der Geschichte über den Stromausfall in New York bei dem Marodierende Horden über 1600 Geschäfte plünderten und mehr als 1000 Brände legten.

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Ja, in den 3 Tagen war es schlimm, das kann man wirklich nicht anders sagen, die Schäden, die durch die Plünderer entstanden sind, haben die Sturmschäden nochmal drastisch verschlimmert. Man kann sich einfach nicht vorstellen, warum die Menschen, sich nicht nur bereichert haben, sondern auch die Geschäfte total zerstört haben. Das hat viele ehrbare Menschen fassungslos gemacht und die Versorgung nach Irma verkompliziert. Aber ab Woche 2 wurden wir dann mit Wasser und Essen durch die Soldaten und die Hilfsorganisationen versorgt. Wir hatten genug Vorräte, um die Zeit zu überbrücken. Wir hatten sogar Vorräte, um mindestens 2 Wochen aushalten zu können. Das war auch gut so!

Ja, es hat lange gedauert, bis der Strom dann wieder ab und an funktioniert hat und das Wasser dauerte sogar noch an. Es funktioniert noch immer nicht bei uns. Es gab schnell eine medizinische Versorgung und man hat auch schnellstmöglich die Straßen freigeräumt, Müll abtransportiert und entsorgt. Es wurde gegen Moskitos und Fliegen gesprüht. Es wurde wirklich alles getan, um die Bevölkerung mit Plastikfolien auszustatten, damit die Dächer provisorisch geschlossen werden konnten. Die Häfen und die Flughäfen wurde schnellstmöglich wieder eröffnet.

Viele Männer und Frauen sind in dieser Zeit auf die Insel gekommen, um zu helfen und haben unter den gleichen Bedingungen wie wir hier gelebt und Tag für Tag auf der Insel Schwerstarbeit geleistet, während die Sonne gnadenlos vom Himmel schien.

Wir haben in der Zeit ganz wundervolle Erlebnisse – neben all dem Erschütternden und Furchtbaren – gehabt und erleben dürfen, wie sich die Nachbarn gegenseitig helfen, wie sich gegenseitig unterstützt wird. Eine Leidensgemeinschaft verbindet eben auf ganz besondere Weise. Man hat alles gemeinsam er- und durchlebt und das verbindet eben!

Man hat bewiesen, dass man auf einander zählen kann und das wird uns von den Einheimischen hoch angerechnet. Wir haben geholfen, wo und wie wir konnten und haben dadurch auch viele neue Bekanntschaften machen dürfen.

Wir sehen viele Möglichkeiten für diese Insel und wir sind sicher, dass sie in neuem Glanz erstrahlen wird! Und auch wenn es weiterhin das Risiko von Hurricane gibt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass es dann wieder einen Hurricane in dieser Stärke sein wird. Ob das nun am sogenannten Klimawandel liegt, oder eine Laune der Natur war, oder, oder… wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass man im Leben keine Sicherheiten bekommt. Weder hier noch in Deutschland oder sonst wo.

In Europa herrscht Terrorgefahr, die Kriminalität nimmt drastisch zu und die Bürgerrechte werden Tag ein Tag aus beschnitten. Ob das die bessere Alternative ist? Uns ist die Freiheit viel wert und wir wollen großen Abstand. Wir haben uns entschieden, dass wir hier unsere Existenz neu aufbauen wollen. Ein Risiko, dass wir 2015 eingegangen sind und das belohnt wurde, bis Irma kam und die Uhren komplett auf Null gestellt hat. Niemand hat das geahnt oder kommen sehen. Niemand. Nun heisst es „make it again“!

Wichtig ist, dass man sich an die Gegebenheiten anpasst und sich nun neu orientiert, mit der neuen Situation umgeht und alles versucht, um sich neu zu positionieren, oder um seinen angestammten Platz wieder einzunehmen. Dadurch, dass ca. 25% der Bewohner evakuiert wurden und einige davon auch nicht zurückkommen werden, werden auch wieder Wirkungsfelder frei. Eine Art „Goldgräberstimmung“ kommt derzeit hier auf….

Jetzt heißt es die Zeit, bis zu dem Moment, wo alles wieder normal funktioniert und die Wirtschaft hier wieder ins Rollen kommt, durchzuhalten und irgendwie zu überleben. Nicht leicht, wo die Rechnungen ins Haus flattern und alle weiterhin ihr Geld haben wollen, auch wenn sie die Leistung nicht erbracht haben. Die Telefongesellschaft, der Stromanbieter, der Vermieter etc. wollen alle volles Geld, ohne Pause, obwohl wir bis zum heutigen Tage kein Telefon oder Internet haben, obwohl das Haus beschädigt ist. Mit jedem Einzelnen muss sich auseinandergesetzt werden und dass alles, während man sein Haus repariert, seine defekten Gegenstände ersetzt, gleichzeitig seine finanzielle Existenz sichern muss und man sich obendrein noch mit der Versicherung rumschlägt. Und dazu noch kaum Kommunikationsmöglichkeiten bestehen…

Die Versicherungen machen nämlich einen Unterschied, ob es ein Sturm- oder Plünderungsschaden ist, ob man Hausrat oder Firmeneigentum in der Wohnung liegen hatte, ob das Auto während des Hurricane kaputtging, oder ob man die Sachen ja alle noch nutzen kann, auch wenn sie teildefekt sind…. alles ein Kampf!

Nach dem kräftezehrenden Überlebenskampf beginnt nun der Existenzkampf. Viele sind seit Monaten ohne Einkommen und auf der holländischen Seite gibt es nicht mal die soziale Unterstützung, wie wir sie gewohnt sind. Wer jetzt keine Ersparnisse hat, der hat ein Problem. Beschaffungskriminalität könnte dann auch zunehmen… zum Glück kommt jetzt bald das erste Kreuzfahrtschiff. Das lässt hoffen!

Wir sind überzeugt, dass es sich lohnt, all diese Kämpfe durchzustehen, um weiter hier leben zu können. Hier – mitten unter der Sonne – mitten zwischen all den Menschen aus aller Welt – und den ent_schleunigten und relaxten Einheimischen. Was anderes können wir uns gar nicht mehr vorstellen.

Ja, wir lieben „unsere“ kleine Insel und ihre Bewohner und deswegen kämpfen wir mit ihnen gemeinsam für eine bessere Zukunft hier. Es ist eben nicht nur Sonne, Meer und Strand, sondern es sind vor allem die Menschen hier, die dieses Paradies zu dem machen, was es war und wieder werden wird!

22406187_550647581956819_1112921334972886313_n*geposted von Freunden, die Internetzugang in den USA hat. Wir haben leider noch immer kein Internet, ausser mal hier oder da auf der Strasse oder in einem Restaurant.


2 Gedanken zu “Warum wir hier bleiben…

  1. Vielen herzlichen Dank für Eure Berichte während der gesamten Zeit. Es lässt mich quasi selbst an Eurem Leid und Eurer Freude teilhaben und gibt ungeschönte Einblicke, die man sonst nicht bekommt.
    Da ich mittlerweile ebenfalls mehr als 5 Jahre in der Karibik wohne (erst Grenada, nun Dominikanische Republik) kann ich Eure Gedanken zum Auswandern bzw Bleiben voll und ganz nachvollziehen.
    Ich hoffe für Euch und die gesamte Insel, dass sich alles schnellstmöglich wieder normalisiert, sodass Ihr bald wieder das gewohnte Karibik-Leben genießen könnt.
    Bitte berichtet weiter so fleißig, ich lese die Texte sehr gerne.
    Lg, Chris

    Gefällt 1 Person

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