DEMUT

5 Monate nach Hurricane #Irma und immer wieder diese Fragen:  Was haben wir schon…..? oder was haben wir erst….? Wo kommen wir her und wo wollen wir hin? Viel wichtiger ist doch die Frage, was haben wir gelernt?

Zu allererst haben wir gelernt, dass alles von jetzt auf gleich anders sein kann. Alles, was man als gegeben, als erworben oder als garantiert empfindet, kann von einer Sekunde auf die andere hinfort sein. Ein Unglück oder ein Unfall kann alles im Leben verändern. Radikal verändern. Jedem kann etwas zustoßen, jederzeit! Das macht demütig.

Wer sich das wirklich bewußt macht, verändert seinen Blick auf die Banalitäten des Alltags. Wenn wir wüßten, dass morgen alles anders wäre, wir all unseren materiellen Besitz verlieren würden oder verunfallen oder erkranken würden, würden wir den heutigen Tag anders verbringen? Würden wir den Augenblick mehr geniessen? Andere Prioritäten setzen?

Die wichtigste Lektion, die uns diese Naturkatastrophe gelehrt hat ist, dass es immer irgendwie weitergeht, auch wenn die Lage noch so hoffnungslos erscheint. Auch wenn der Berg, der vor einem liegt noch so hoch erscheint: es beginnt mit dem ersten Schritt. Egal wie groß oder klein dieser Schritt ist. Man muss ihn nur setzen, diesen Schritt nach vorn.

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photocredit: Rich Hazel

Als wir vor den nassen Trümmern unseres Hauses standen, dachte ich zu allererst, „….das kriegen wir nie wieder hin .wie soll es jetzt weitergehen?“ Aber meine Männer haben mir gleich gesteckt, dass hier nicht gejammert wird. Jammern ist destruktiv und demotivierend für das Umfeld. Sobald man in die Aktion kommt, statt zu verzweifeln, auch wenn man einfach nur anfängt zu fegen, zu wischen, zu entrümpeln, noch so kleine Schritte zählen, wenn man nur irgendwas TUT, dann sieht man auch die Veränderung und kommt gar nicht ins Hadern. Hauptsache man T_U_T etwas. Für sich und/oder für andere.

Irma hat uns gezeigt, wie die Menschen um uns herum wirklich sind. In einer schwierigen Situation zeigt sich der wahre Charakter der Menschen und es bringt deutlich hervor, wie derjenige sich in einer Krise verhält. Das ist wie bei Scheidungen, Todesfällen, schweren Krankheiten, Jobverlust, oder anderen schweren Schicksalsschlägen: sie bringen den wahren Kern der Menschen um einen herum hervor. Irma hat die guten Seiten der Menschen und die nicht so guten Menschen deutlich gezeigt.

Wir haben Menschen plündern sehen, denen man es eigentlich nicht zugetraut hätte, die es auch gar nicht nötig hätten, wir haben gesehen, wie einige nur noch an sich zu dachten, wie sie egoistisch oder verschwenderisch mit knappen Ressourcen umgegangen sind, wie sie nicht teilen wollten, sich gegenseitig bestohlen haben. Wir haben erlebt, wie manche Vermieter sich hier in der Not mies verhalten und Familien vor die Tür gesetzt haben, aber auch wozu einige Mieter oder ungebetenen Hausbesetzer in der Lage sind.

Irma hat uns aber auch gezeigt, dass es eine riesige Welle an Solidarität, an Mitgefühl und Unterstützung von außen und auch untereinander gab. Wir hätten nicht gedacht, wie viele unserer Freunde oder Gäste uns in der Not mit Wort und Tat zur Seite stehen. Allein zu wissen, dass es da Menschen gibt, die uns nur ein paar Stunden kennen und die sich doch große Sorgen um uns gemacht haben! Menschen, die uns nur virtuell oder sogar gar nicht kennen und die sich oft bei uns gemeldet haben. An dieser Stelle möchten wir uns nochmals ganz herzlich für all die Nachrichten, Emails und Whatsapps bedanken. Es hat mich sehr berührt, wieviele uns zur Seite standen. Manche liebe Email hat mich zum Schlucken gebracht.

Jedes Mal, wenn wir Kontakt zum Internet hatten, piepte das Handy ununterbrochen von all den vielen Benachrichtigungen. Wir waren regelrecht geflashed von den vielen Nachrichten. Falls wir dabei etwas übersehen haben sollten, bitten wir um Nachsicht. Wir haben uns sehr über die rege Anteilnahme an unserem Projekt #hilfefuerstmaarten gefreut. Wir konnten und können hier einiges bewegen und Not lindern, dank Eurer Unterstützung.

Es gibt aber noch immer viel zu tun, die Not bei einigen ist jetzt eine andere, eher eine wirtschaftliche Not, vor allem bei denen, die alles verloren haben, oder nach wie vor ohne Einkommen sind. Wir hoffen, dass die Regierungen noch schneller reagieren und der Tourismus schnell wieder richtig in Gang kommt, denn nur so können sich die Menschen wieder selbst helfen. Die Hotels müssen bald wiedereröffnen, denn sie sind hier der größte Arbeitgeber, aber die Renovierungen dauern noch an.

Irma hat uns auch gelehrt, dass es wichtig ist, dass man einen Hund hat. In Zeiten ohne Strom ist ein Hund eine gute Abschreckung, er ist wachsam und schlägt rechtzeitig an. In den stockdunklen Nächten gleich nach Irma, habe ich gedacht, jetzt müsste man Hunde haben…

Irma hat gezeigt, dass die Notration mindestens 14 Tage reichen muss, dass ein Generator von unschätzbarem Wert ist und dass wir glücklicherweise ein gutes soziales Netzwerk hier haben. Uns ist nie etwas -für uns wirklich Wichtiges- all zu lange ausgegangen. Dass Wasser, Konserven, Medikamente und Benzin wichtig sind, war klar. Aber für den einen oder anderen wurden zwischendurch Wein, Bier oder Zigaretten auf einmal ganz dringend. In Zeiten von Knappheit werden bestimmte Güter auf einmal wie Gold gehandelt.

Irma hat uns enger zusammengeschweißt. Sie hat uns gezeigt, dass wir uns in der Not aufeinander absolut verlassen können und zusammenhalten. Sie hat uns demütiger werden lassen – wir wertschätzen wieder die ganz kleinen Dinge, die eigentlich selbstverständlich waren: Wasser, Strom, Internet…. wichtige Faktoren. Genauso wichtig wie: Infrastruktur und Logistik. Ohne Hilfe von außen, wäre die Insel jetzt nicht da, wo sie ist.

Für das nächste Mal sind wir noch besser vorbereitet, aber wir hoffen mal, dass es nicht wieder einen Sturm wie #Irma oder #Maria geben wird. Aber selbst wenn, dann haben wir ja gelernt: es geht immer weiter…irgendwie!

WE ARE IRMA SURVIVORS !

 

P.S. Nur nochmal zur Erinnerung, so wie in diesem Video, sah es auch bei uns im Haus aus. Und diese Aufnahmen wurden gemacht, als man schon wieder rumlaufen konnte, sprich, gegen ca. 9 Uhr am Morgen. Zwischen 5 Uhr und 9 Uhr konnten wir uns im Badezimmer nicht einmal aufrichten oder unter unserer Matratze hervorgucken, weil der Wind / Regen im Haus zu stark war. Ton anmachen!
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